{"id":608,"date":"2018-11-12T11:43:34","date_gmt":"2018-11-12T10:43:34","guid":{"rendered":"https:\/\/www.brodtfoundation.org\/de\/?p=608"},"modified":"2019-05-03T09:32:42","modified_gmt":"2019-05-03T07:32:42","slug":"der-junge-im-gestreiften-pyjama","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.brodtfoundation.org\/de\/der-junge-im-gestreiften-pyjama\/","title":{"rendered":"Der Junge im gestreiften Pyjama"},"content":{"rendered":"<p><span style=\"font-size: 10pt;\">John Boyne, Fischer Verlag, Frankfurt a. Main 2009<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Rezension (J\u00fcdische Allgemeine Wochenzeitung 2007):<\/p>\n<p><\/strong>Das Buch liest sich von selbst und l\u00e4sst sich nicht zur Seite legen. Es provoziert, polarisiert und trifft. Welweit zeigen sich Kritiker euphorisch, einige \u00e4u\u00dferten Bedanken.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eDer Junge im gestreiften Pyjama\u201c erschien zum ersten Mal 2006 in Irland. Seinem Autor, John Boyne aus Dublin und Mitte 30, brachte es den internationalen Durchbruch. \u00dcber vielen Wochen stand es auf Nummer 1 der Bestsellerlisten von Irland, Australien und England, in \u00fcber 20 Sprachen wurde es \u00dcbersetzt. In der New York Times rangierte es auf Platz 5, Preise folgten, an einem Film wird gearbeitet. Vorsicht ist also geboten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Auf den ersten Blick scheint \u201eDer Junge im gestreiften Pyjama\u201c zur so genannten \u201eHolocaust-Literatur zu geh\u00f6ren. Sein Umschlag, \u00fcberzogen mit breiten Querstreifen, wei\u00df-hellblau, legt es nahe. Eindeutige Assoziationen sind beabsichtigt (und in der U-Bahn ein Blickfang) und finden sich best\u00e4tigt im Inhalt: Bruno, 9 Jahre alt, zieht mit Vtaer, Mutter, nervender \u00e4lterer Schwester Gretel vom sch\u00f6nen Berlin nach Auschwitz. Hitler pers\u00f6hnlich war vorbeigekommen und hat den Vater zum Auschwitz-Kommandanten bef\u00f6rdert, ein Aufstieg auf der Karriereleiter. F\u00fcr Bruno beginnt in Auschwitz eine Zeit der Tristesse, Langeweile und bedrohlicher R\u00e4tselhaftigkeit, weit weg von Gro\u00dfeltern und Freunden. Von seinem Fenster aus im neuen, funktionalen Haus sieht er Menschen hinter einem Zaun. Sie wirken alles anderes als gl\u00fccklich. Aber wer kann schon gl\u00fccklich sein in Auschwitz? Bruno beginnt heimlich umherzustreifen. Geht den Zaun entlang, freundet sich mit dem gleichaltrigen Schmuel auf der anderen seite an. Beim letzten Besuch \u2013 die Mutter will entnervt mit den Kindern nach Berlin zur\u00fcck \u2013 schl\u00fcpft Bruno unterm Zaun durch. Er zieht sich den gestreiften \u201ePyjama\u201c \u00fcber, den ihm Schmuel mitgebracht hat, will diesem helfen, seinen Vater wieder zu finden. Dabei ger\u00e4t Bruno in eien von Soldaten zusammen getriebene Menschenmenge. Er stirbt mit ihr in der Gaskammer.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Alles in klare Worte gefasst und alles falsch. Bruno zieht nicht um nach Auschwitz, sondern nach \u201eAus-Wisch\u201c, nicht Hitler bef\u00f6rderte seinen Vater, sondern der \u201eFuror\u201c. Kleine Differenzen sind es die am klarsten trennen und am sch\u00e4rfsten unterscheiden. John Boynes Buch ist an keiner Stelle angelegt, die Wirklichkeit des Dritten Reiches widerzuspiegeln. Es spielt in einer Kunstwelt. Jeder Hinweis aus historische Fehler oder Ungenauigkeiten greift daher nicht.Wer dem m\u00e4chtigen Assoziationszwang der Geschichte widersteht, wer der unglaublichen Naivit\u00e4t eines 9-j\u00e4hrigen Brunos zu folgen bereit und f\u00e4hig ist (ein Kraftakt, der von einem Leser ab 12 erwartet werden kann), der k\u00f6nnte in einen verloren geglaubten Urzustand der Unmittelbarkeit, der Absurdit\u00e4t ideologischen Wahns. Bruno legt sie blo\u00df. Er l\u00e4sst sich nicht die Augen \u00f6ffnen, denn das hie\u00dfe verstehen, was nicht zu verstehen ist.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das Buch stellt nicht zum x-ten Mal die Schulbuchfrage \u201ewie konnte so etwas geschehen?\u201c. Es zeigt, mit was zu rechnen ist, wenn Menschen nicht mehr sagen d\u00fcrfen, was ihnen durch den Kopf geht \u2013 ein Indikator h\u00f6chster Stufe. \u201eIch darf nicht sagen, was ich denke?\u201c, fragt Bruno schon im vorderen Drittel des Buches. \u201eNein\u201c, antwortet sein Kinderm\u00e4dchen Maria. Bruno kann das weder glauben, noch verstehen. Sein Ende und das des Buches sind damit Fr\u00fchzeitig festgelget. Das Leben hat eien unheilbaren Knacks bekommen. Es ist eine L\u00fcge. Erst als der Junge in den Tod geht, als er am Zaum seine Kleider und die Seite wechselt, um Barfu\u00df und im \u201egestreifeten Pyjama\u201c weiterzulaufen, kehrt die unmittelbare kraft des empfindens als k\u00f6rperlich sp\u00fcrbare realit\u00e4t zur\u00fcck. \u201eEr versank bis zu den Kn\u00f6cheln und jedes Mal,wenn er einen Fu\u00df hob, wurde es schlimmer. Mit der Zeit jedoch gefiel es ihm zunehmend besser. Schmuel griff nach unten und hob das Zaunende hoch, doch es lie\u00df sich nur bis zu einem Punkt heben, sodass Bruno nichts anderes \u00fcbrig blieb, als sich unten durchzuw\u00e4lzen und seinen gestreiften Anzugv\u00f6llig mit Schlamm zu beschmutzen. Er musste lachen, als er an sich hinabblickt. So dreckig war er in seinem ganzen Leben noch nicht gewesen, aber es f\u00fchlte sich herrlich an.\u201c<br \/>\nDas Buch bricht den Begriff der \u201eHolocaust-Literatur\u201c auf. Fiktionalit\u00e4t erf\u00e4hrt eine Steigerung, in dem sie wie reproduziert wirkt, wie nachgespielt, die Realit\u00e4t verfremdend, an einem k\u00fcnstlichen Ort, mit wenigen Requisiten. Eine Geschichte von der Wirklichkeit gel\u00f6st, besitzt keinen historischen Kontext. Sie ist reduziert auf sich selbst, kann ein Lehrst\u00fcck sein, eine Fabel wie John Boyne seinen Text ank\u00fcndigt.<\/p>\n<p>\u201eAus-Wisch\u201c ist nicht Auschwitz, sondern ein Ort, der zwischen zwei Buchdeckel passt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Katrin Diehl (2006)<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>John Boyne, Fischer Verlag, Frankfurt a. Main 2009 Rezension (J\u00fcdische Allgemeine Wochenzeitung 2007): Das Buch liest sich von selbst und l\u00e4sst sich nicht zur Seite legen. Es provoziert, polarisiert und trifft. Welweit zeigen sich Kritiker euphorisch, einige \u00e4u\u00dferten Bedanken. \u201eDer Junge im gestreiften Pyjama\u201c erschien zum ersten Mal 2006 in Irland. 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