{"id":661,"date":"2018-11-12T12:49:25","date_gmt":"2018-11-12T11:49:25","guid":{"rendered":"https:\/\/www.brodtfoundation.org\/de\/?p=661"},"modified":"2019-04-30T14:50:36","modified_gmt":"2019-04-30T12:50:36","slug":"erzaehl-es-deinen-kindern-die-torah-in-fuenf-baenden","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.brodtfoundation.org\/de\/erzaehl-es-deinen-kindern-die-torah-in-fuenf-baenden\/","title":{"rendered":"Erz\u00e4hl es Deinen Kindern \u2013 Die Torah in f\u00fcnf B\u00e4nden"},"content":{"rendered":"<p><span style=\"font-size: 10pt;\">Darius Gilmont (Illustrator) \/ Bruno Landthaler (Bearbeitung), Ariella Verlag, Berlin 2014 &#8211; 2016<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Essay aus \u201eJuLit\u201c, Publikation des \u201eArbeitskreis f\u00fcr Jugendliteratur e.V.\u201c, M\u00fcnchen 2014\/3:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Vorausgeschickt, in aller K\u00fcrze und ohne Gew\u00e4hr:<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>I.<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die hebr\u00e4ische Bibel entspricht dem \u201eAlten Testament\u201c, im Judentum hei\u00dft sie Tanach. Der erste Teil des Tanach ist die Torah, die aus den f\u00fcnf B\u00fcchern Mose besteht plus 613 Vorschriften.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Torah ist f\u00fcr das j\u00fcdische Volk \u201eDas Buch der B\u00fccher\u201c, das es am Berg Sinai direkt von G\u2019tt[1]empfangen hat. Ohne Torah kein j\u00fcdisches Volk. Die Sprache der Torah ist das Hebr\u00e4ische.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>II.<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Zwischenbemerkung:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Christliche Bibeln f\u00fcr Kinder gibt es in Deutschland ohne Ende, meistens umfassen diese sowohl das \u201eAlte\u201c als auch das \u201eNeue Testament\u201c, was sie f\u00fcr j\u00fcdische Familien mit ihren Kinder nicht besonders attraktiv macht.[2]<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Zudem besteht das Judentum auf eine eigene Auslegung der Torah. Die Torah bestimmt den synagogalen Gottesdienst und ist durch die N\u00e4he zur hebr\u00e4ischen Sprache gepr\u00e4gt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>III.<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dieses Jahr hat der kleine Berliner Ariella Verlag, der derzeit einzige j\u00fcdische Kinder- und Jugendbuchverlag Deutschlands, mit einer gro\u00dfen Sache begonnen. In f\u00fcnf Etappen wird er eine Torah f\u00fcr Kinder herausgeben, die f\u00fcnf B\u00fccher Mose also, f\u00fcr j\u00fcdische Kinder \u201ebis 12 Jahre\u201c.[3]\u201cBereschit \u2013 Am Anfang\u201c hei\u00dft der erste Band, der seit April vorliegt. Vier weitere B\u00e4nde werden folgen.[4]<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>IV.<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Ariella Verlag das ist Myriam Halberstam, geboren in New York, aufgewachsen in Frankfurt am Main, es folgten Tel Aviv, New York, K\u00f6ln. Heute f\u00fchlt sie sich mit ihrer Familie in Berlin zu Hause.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Weil sie f\u00fcr ihre Kinder keine deutschen Kinderb\u00fccher, die in einer normal-j\u00fcdischen Welt spielten, fand, hat sie selbst eine Geschichte geschrieben, die zum Buch gemacht[5]und gleich den passenden Verlag dazu gegr\u00fcndet. Den ersten j\u00fcdischen Kinder- und Jugendbuchverlag in Deutschland seit dem Zweiten Weltkrieg. Das war 2010. Seitdem bringt Myriam Halberstam in jedem Jahr mindestens ein neues Buch in ihrem Ariella Verlag heraus.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>V.<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">W\u00e4hrend der Weimarer Republik gab es entsprechend der unterschiedlichen Str\u00f6mungen innerhalb der j\u00fcdischen Bev\u00f6lkerung im deutschsprachigen Raum eine reiche j\u00fcdische Kinder- und Jugendliteraturszene in deutscher, hebr\u00e4ischer, jiddischer und russischer Sprache. In Berlin z\u00e4hlte man allein 40 j\u00fcdische Verlage und Buchhandlungen, die sich mehr oder weniger auch der j\u00fcdischen Kinder- und Jugendliteratur angenommen hatten. W\u00e4hrend des Dritten Reichs l\u00e4sst sich von einer erzwungen Bl\u00fcte der j\u00fcdischen Presse, des j\u00fcdischen Verlagswesens und eben auch der j\u00fcdischen Kinder- und Jugendliteratur sprechen, jetzt zwar zur \u201eGhetto-Literatur\u201c degradiert, dennoch als geistige Kraftquelle von den Menschen intensiv genutzt, wahrgenommen und gesch\u00e4tzt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">1938 endete f\u00fcr die Juden abrupt jede M\u00f6glichkeit, Druckwerke herzustellen. Nur die Zeitung das \u201eJ\u00fcdische Nachrichtenblatt\u201c existierte bis 1943 weiter. Es informierte die j\u00fcdische Bev\u00f6lkerung \u00fcber die n\u00e4chsten Anordnungen und Ma\u00dfnahmen der National\u00adso\u00adzialisten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nach dem Krieg \u2013 die letzten DP-Lager hatten sich Ende der 50er Jahre aufgel\u00f6st \u2013 entstanden in Deutschland sehr verhalten, sehr isoliert von der nichtj\u00fcdischen Bev\u00f6lkerung, wieder erste j\u00fcdische Gemeinden aus Menschen, die in den deutschen St\u00e4dten h\u00e4ngen geblieben oder zur\u00fcck gekehrt waren: \u00dcberlebende, unter ihnen auch Kinder. Irgendwie ging es weiter. Die n\u00e4chste Generation wurde geboren.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00dcber 20 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs, heute vor 50 Jahren, erschien 1964 \u201eDie Bibel f\u00fcr Kinder\u201c von Abrascha Stutschinsky[6], einem Lehrer der \u201eIsraelitischen Cultusgemeinde Z\u00fcrich\u201c, \u201eein faszinierendes Lehr- und Lesebuch, das Kinder j\u00fcdischer und christlicher Religion zu begl\u00fccken vermag\u201c. Die betonte Hinwendung zur christlichen Seite war sicher der Zeit und den ersten Ann\u00e4herungsversuchen geschuldet. Dennoch l\u00e4sst sich klar erkennen: Hier schreibt ein j\u00fcdischer Autor, der die j\u00fcdische Jugend erreichen m\u00f6chte, worauf bereits das dem Buch vorangestellte Zitat des hebr\u00e4ischen Dichters Chaim N. Bialik deutlich hinweist:\u201eWer die j\u00fcdische Nation kennen will,\/ der lerne die Agada kennen.\u201c Die \u201eAgada\u201c (sic), so erkl\u00e4rt Stutschinsky ein wenig popul\u00e4r, beinhaltet \u201eherrliche biblische Sagen des j\u00fcdischen Altertums\u201c, mit denen er die \u201ewortgetreue biblische \u00dcberlieferung\u201c zu \u201eschm\u00fccken\u201c gedenkt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">20 Jahre nach Stut\u00adschins\u00adkys \u201eJugendbibel\u201c erschienen \u201eDie Geschichten der Bibel f\u00fcr Kinder\u201c von Joachim Prinz.[7]Joachim Prinz war von 1926 an Rabbiner in Berlin gewesen, 1937 hatte er Deutschland in Richtung USA verlassen. Seine \u201eGeschichten der Bibel\u201c aus den 80er Jahren sind nichts anderes als ein Nachdruck eines erstmals 1934 in Nazi-Deutschland erschienenen Buches! Wir haben es hier also mit einem Titel zu tun, der als Zeitdokument zu lesen ist, und der 1934 selbstverst\u00e4ndlich an j\u00fcdische Kinder gerichtet war (Joachim Prinz hatte sich schon recht fr\u00fch scharf gegen jede Assimilation gewendet, war zudem gl\u00fchender Zionist gewesen). Den Umst\u00e4nden und seinem Ansinnen entsprechend hatte er aus den \u201eGeschichten\u201c aus der Bibel, Heldengeschichten gemacht.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Aus dem Hebr\u00e4ischen \u00fcbersetzt erschien 1996 im religi\u00f6sen j\u00fcdischen Morascha Verlag aus Z\u00fcrich und Basel \u201eMeine kleine Tora\u201c[8], die erste \u201eBibel\u201c nach 1945 in deutscher Sprache, die sich ausdr\u00fccklich und ausschlie\u00dflich an j\u00fcdische Kinder wendet, wor\u00fcber ein Junge mit Kippa, der vom Titel herunterstrahlt, keine Zweifel l\u00e4sst. Das gro\u00dfformatige Buch geht nach den Wochenabschnitten (Paraschot) vor, so wie sie in der Synagoge Woche f\u00fcr Woche vorgelesen werden, und gibt den Inhalt der Torah begleitet von l\u00e4ssig hingeworfenen, comichaften Zeichnungen wieder, manchmal witzig, jedenfalls insgesamt recht dynamisch. Dabei werden zus\u00e4tzlich Anweisungen f\u00fcr den t\u00e4glichen Umgang mit den Gesetzen, Geboten und Verboten gegeben. Einzelne Worte erscheinen auf Hebr\u00e4isch. Wie der gesamte Verlag, so richtet sich auch dieses Buch an religi\u00f6se Familien und deren Kinder, eine Welt f\u00fcr sich innerhalb der j\u00fcdischen Gemeinschaft.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>VII.<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Jetzt also, im Jahre 2014, aus dem j\u00fcdischen Ariella Verlag eine Kindertorah in f\u00fcnf schmalen B\u00e4nden, versehen mit einigen farbenfrohen Bildern des israelischen K\u00fcnstlers Darius Gilmont, die sich an den Sehgewohnheit der J\u00fcngeren unter den Lesern und Betrachtern orientiert. Hanna Liss, Professorin f\u00fcr Bibelauslegung an der Hochschule f\u00fcr J\u00fcdische Studien in Heidelberg, und der Judaist Bruno Landthaler haben den Text in engem Kontakt mit Kindern \u201e\u00fcbertragen\u201c. Dabei konnte es nicht Ziel sein, Martin Buber und Franz Rosenzweig nachzueifern, die in ihrer Bibel\u00fcbertragung ins Deutsche den Inhalt zu einer eigens geschaffenen Sprache werden lie\u00dfen.[9]Vielmehr ging es darum, die Autorit\u00e4t eines heiligen Textes nicht anzur\u00fchren, trotz der gezielten Hinwendung zum jungen Leser und H\u00f6rer.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dass die Kinderbibel durchdacht und vielschichtig nutzbar ist, wird schon beim ersten Querlesen klar. Auch ihr Aufbau richtet sich nach den Paraschot. Es gibt gekennzeichnete Passagen, die \u201edie Kleinsten\u201c \u00fcberspringen k\u00f6nnen, Informationen zum liturgischen Gebrauch, eine Randspalte f\u00fcr Erwachsenen (was die Altersangabe \u201ebis 12\u201c eine wenig fraglich macht), Passagen im hebr\u00e4ischen Original, Namen werden in der \u201ehebr\u00e4ischen Lautung\u201c wiedergegeben.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Diese Torah f\u00fcr Kinder hat etwas Vers\u00f6hnliches an sich, weil man ihr zutraut, dass sie durch ihren wissenden, doch auch offenen Ton (\u201emanche Rabbinen meinen\u2026\u201c)f\u00e4hig ist, die j\u00fcdische Gemeinschaft trotz unterschiedlicher Str\u00f6mungen gemeinsam auf intellektuellem Niveau zu erreichen, schlie\u00dflich auch die (Erwachsenen) mit ins Boot zu holen, die nicht mit der Torah gro\u00df geworden sind (wie viele der aus den ehemaligen Sowjetstaaten zugewanderten Menschen).<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>VIII.<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Torah ist ein St\u00fcck Identit\u00e4t, die sich die j\u00fcdische Gesellschaft in Deutschland St\u00fcck f\u00fcr St\u00fcck neu erarbeitet. Die Kinder spielen dabei eine wichtige Rolle, und deshalb ist die erste \u201eKindertorah\u201c in Deutschland nach 1945 ein Ereignis, das am liebsten keines w\u00e4re, sondern die normalste Sache der Welt. Nicht ausschlie\u00dfend, sondern bereichernd. Nicht trennend, sondern st\u00e4rkend.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Katrin Diehl<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Literatur:<\/strong><br \/>\nV\u00f6lpel, Annegret \/ Shavit, Zohar: Deutsch-j\u00fcdische Kinder- und Jugendliteratur, ein literarischer Grundriss. Stuttgart: J.B. Metzler Verlag 2000<br \/>\nHyams, Helge-Ulrike \/ Klattenhoff, Klaus \/ Ritter, Klaus \/ Wi\u00dfmann, Friedrich: J\u00fcdisches Kinderleben im Spiegel j\u00fcdischer Kinderb\u00fccher. Wissenschaftliche Beitr\u00e4ge, Band 1 und 2, Bibliotheks- und Informationssystem der Universit\u00e4t Oldenburg 2001<br \/>\nK\u00fcmmerling-Meibauer, Bettina (Hrsg.): J\u00fcdische Kinderliteratur. Ausstellungskatalog, Wiesbaden 2005<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Artikel &#8222;J\u00fcdische Allgemeine&#8220;:<\/strong><br \/>\n<a href=\"http:\/\/www.juedische-allgemeine.de\/article\/view\/id\/18927\">http:\/\/www.juedische-allgemeine.de\/article\/view\/id\/18927<\/a><\/p>\n<p><strong>Link zu &#8222;www.jugendliteratur.org&#8220;:<\/strong><br \/>\n<a href=\"http:\/\/www.jugendliteratur.org\/julit-2014-3.html\">http:\/\/www.jugendliteratur.org\/julit-2014-3.html<\/a><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Darius Gilmont (Illustrator) \/ Bruno Landthaler (Bearbeitung), Ariella Verlag, Berlin 2014 &#8211; 2016 Essay aus \u201eJuLit\u201c, Publikation des \u201eArbeitskreis f\u00fcr Jugendliteratur e.V.\u201c, M\u00fcnchen 2014\/3: Vorausgeschickt, in aller K\u00fcrze und ohne Gew\u00e4hr:<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":528,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[],"class_list":["post-661","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-allgemein"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.brodtfoundation.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/661","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.brodtfoundation.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.brodtfoundation.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.brodtfoundation.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.brodtfoundation.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=661"}],"version-history":[{"count":7,"href":"https:\/\/www.brodtfoundation.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/661\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":2097,"href":"https:\/\/www.brodtfoundation.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/661\/revisions\/2097"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.brodtfoundation.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/528"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.brodtfoundation.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=661"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.brodtfoundation.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=661"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.brodtfoundation.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=661"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}